Oder: Warum ich eine Piraten-Backform weggeworfen habe und mich danach richtig gefeiert habe

Ich habe gerade mal ein bisschen aufgeräumt und eine Backform weggeworfen. Klingt unspektakulär? War es nicht. Zumindest nicht für mich! Denn diese Backform – eine aufwendige Piraten-Schiff-Form, die ich für den 4. Geburtstag meines Sohnes gekauft hatte – hat mich fast in den Wahnsinn getrieben und den Frieden in meiner Ehe gefährdet…
Drei Mal habe ich versucht, diesen verdammten Kuchen zu backen. Drei Mal ist er nichts geworden- der Teig klebte in den zu kleinen Formen von Kanonen und Bordwand fest und das Ergebnis sah aus wie das Wrackder Titanic… Drei Mal stand ich in der Küche, kurz vor dem Nervenzusammenbruch, und dachte: „Ich bin keine gute Mutter, wenn ich das nicht hinbekomme.“ Mein Mann war (zu Recht) total genervt und wir haben uns gestritten, weil ich so gestresst war.
Ja, richtig gelesen. Wegen eines Kuchens! Für einen 4 Jahe alten Jungen…
Willkommen im Mental-Load-Wahnsinn
Wenn du dich jetzt fragst, warum ich nicht einfach einen Zitronenkuchen gebacken habe – willkommen in meinem Kopf. Willkommen in einer Welt, in der Mütter sich nicht mehr nur um ihre Kinder kümmern müssen, sondern auch noch Sociel Media-würdige Geburtstage inszenieren sollen.
Die Wahrheit? Mein Sohn hätte sich über jeden Kuchen gefreut. Hauptsache lecker. Die Deko? Völlig egal. Das weiß ich heute. Das wusste ich eigentlich auch damals. Aber in meinem Kopf lief eine ganz andere Geschichte ab:
Die anderen Mütter backen doch auch so schöne Kuchen. Besonders die eine, die diese wahnsinnig tollen Fondant Torten macht, die aussehen, als würde sie damit in einem Kuchenbackwettbewerb antreten. Und wenn ich das jetzt nicht hinbekomme, bin ich… weniger. Weniger Mutter. Weniger gut. Weniger genug.
Mental Load: Wenn der Kopf niemals Pause macht
Mental Load – das ist dieser unsichtbare Druck, der ständig in unserem Kopf mitläuft. Eine aktuelle forsa-Studie (hkk Krankenkasse (Hrsg.), forsa, 2025) zeigt: 62 Prozent der Mütter fühlen sich stark belastet durch Mental Load. Bei Vätern sind es immerhin noch 31 Prozent.
Mental Load bedeutet: Du denkst an alles. Du planst, organisierst, entscheidest. Du weißt, wann die Windeln alle sind, wer welche Schuhgröße hat, und wann das Geschenk für den Kindergeburtstag besorgt werden muss. Und du weißt auch, dass du unbedingt einen tollen Kuchen backen solltest, weil… ja, warum eigentlich?
Meine Mutter hatte dieses Problem nicht
Mein Mutter in den 80er Jahren? Die hat einen fertigen Boden gekauft, ein paar Erdbeeren darauf gelegt, Dr. Oetker Gelierkram drauf: Fertig. Kein Drama. Kein Social Media. Keine Vergleiche.
Heute? Heute scrollen wir durch Pinterest und sehen Piraten-Geburtstage, die aussehen wie eine Filmproduktion. Wir sehen perfekt dekorierte Tische, selbstgemachte Give-Aways, und Kuchen, die eigentlich Kunstwerke sind. Und wir holen unsere Kinder von Geburtstagen ab, bei denen die Mitgebseltüten (wer hat sich das eigentlich ausgedacht????) teurer waren als das Geburtstagsgeschenk. Bei denen es eine Hüpfburg im Garten gab, einen Clown, oder das ganze Haus thematisch geschmückt war. Was für ein Irrsinn!
Und trotzdem denken wir: „Das muss ich auch schaffen. Sonst ist der Kleine enttäuscht…“
Viele Rollen müssen gleichzeitig jongliert werden
Die klare Rollenverteilung früherer Generationen war weder gerecht noch wünschenswert denn sie hat Frauen stark begrenzt und eingeschränkt.
Gleichzeitig waren Erwartungen und Rollenverantwortung eindeutig verteilt.
Heute tragen viele Frauen mehrere Rollen gleichzeitig: Arbeitnehmerin, Mutter, emotionale Managerin der Familie, Organisatorin des Alltags, Partnerin, Bezugsperson – und natürlich macht eine gute Mutter auch noch regelmäßig Sport, um dabei gesund, attraktiv und leistungsfähig zu bleiben. Wir sollen gleichberechtigt arbeiten UND die perfekten Mütter sein. Wir sollen uns selbst verwirklichen UND selbstlos für die Familie da sein.
Dieses „Alles gleichzeitig und bitte mindestens gut“ nicht zu schaffen, ist kein individuelles Versagen, sondern eine strukturelle Überforderung.
Das ist ein Spagat, der nicht aufgeht.
„Du schädigst dein Kind fürs Leben!“ – Der neue Druck
Und dann ist da noch dieser moderne Trauma-Diskurs. Überall liest man: Kindheitstraumata prägen fürs Leben. Was du heute falsch machst, trägt dein Kind für immer mit sich herum. Das ist grundsätzlich wichtig und richtig – keine Frage. Aber es erzeugt auch einen enormen Druck: Jeder „Fehler“ könnte langfristige Folgen haben. Jede falsche Entscheidung könnte dein Kind schädigen.
Aber: Kinder werden nicht durch Alltagsfehler verunsichert – sondern durch anhaltenden Misshandlung, Stress, Konflikte und emotionale Überforderung in ihrem Umfeld.
Laut der repräsentativen Studie „Familie und Erziehung 2025“ (Pronova BKK, 2025) berichten viele Mütter, dass sie deutlich höhere Anforderungen an sich selbst stellen als die tatsächlichen Erwartungen ihrer Partner oder ihres sozialen Umfelds. Wir sind also unsere eigenen härtesten Kritikerinnen.
Social Media: Die Vergleichsfalle
Und dann kommt noch der Vergleich durch Social Media dazu.
Eine Studie (Coyne et al., 2017) zu sozialen Vergleichen auf Social-Media-Plattformen bringt es auf den Punkt:
„Soziale Vergleiche auf Social-Networking-Plattformen standen im Zusammenhang mit … höherer elterlicher Rollenüberlastung sowie geringerer elterlicher Kompetenz und geringerer wahrgenommener sozialer Unterstützung.“
Übersetzt: Je mehr wir uns mit anderen Müttern auf Social Media Plattformen vergleichen, desto schlechter fühlen wir uns, desto überfordert sind wir, desto weniger kompetent kommen wir uns vor.
Die Forschung zeigt weiter:
Es könnte sein, dass nicht die bloße Nutzung von Social-Networking-Plattformen mit negativen Folgen für Mütter zusammenhängt, sondern vielmehr soziale Vergleiche mit anderen Eltern – als ein besonders problematisches Verhalten.
Es ist also nicht das Scrollen durch Social Media selbst, das uns schadet. Es ist das ständige Vergleichen. Das Gefühl, nicht genug zu sein. Das „Die können das doch auch – warum ich nicht?“-Spiel in unserem Kopf.
Die Wahrheit über den Kindergeburtstag
Heute weiß ich:
Was Kinder wirklich wollen:
- Einen leckeren Kuchen (gekauft ist völlig okay)
- Ihre Freunde
- Spaß haben
- Eltern, die Spaß haben und nicht total gestresst sind und/oder sich streiten
Was Kinder NICHT interessiert:
- Ob der Kuchen wie ein Piratenschiff aussieht
- Ob die Deko perfekt ist
- Ob du drei Nächte dafür durchgemacht hast
Wer urteilt wirklich? Nicht die Kinder. Andere Mütter.
Und weißt du was? Die Mütter, die dich für einen gekauften Kuchen verurteilen, sind Teil des Problems. Diese Auf-Opfer-Haltung – diese Idee, dass gute Mütter sich selbst bis zur Erschöpfung verausgaben müssen – macht uns alle krank.
Was ich getan habe (Leider viel, viel zu spät)
Ich habe die Backform weggeworfen!
Nicht aus Wut. Nicht aus Enttäuschung. Sondern als bewusste Entscheidung: Ich mache das nicht mehr mit.
Ich sorge gut für mein Kind. Nicht weil ich kunstvolle Kuchen backe, sondern weil ich für meinen Sohn da bin. Weil ich ihn sehe, höre, ernst nehme. Weil ich mein Bestes gebe – und mein Bestes ist gut genug.
Die Messlatte tiefer legen
Donald Winnicott, einer der prägenden Kinderanalytiker und zentralen Stimmen der Entwicklungspsychologie des 20. Jahrhunderts, beschrieb Elternschaft nicht als Perfektionsaufgabe, sondern als das, was sie sein darf: ausreichend gut. Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern verlässliche Erwachsene, die ihren Weg verantwortungsvoll und zugewandt gehen.
Übertragen auf das Geburtstagskuchen- Problem bedeutet das:
Ja, du könntest einen aufwendigen Kuchen backen. Ja, du könntest die perfekte Party organisieren. Ja, du könntest alles selbst machen.
Aber du musst es nicht.
Die Messlatte tiefer zu legen ist nicht Versagen. Es ist Selbstfürsorge.
Kennst du das auch?
Wenn du dich in dieser Geschichte wiedererkennst: Du bist nicht allein.
Mental Load ist real.
Der Druck, perfekt sein zu müssen, ist real.
Die Erschöpfung ist real.
Und auch die gesundheitlichen Folgen, wenn dieser Zustand dauerhaft anhält, sind real.
Die gute Nachricht ist: Es muss nicht so bleiben.
Du kannst deine innere Messlatte neu justieren.
Du kannst lernen, dass „gut genug“ tatsächlich gut genug ist.
Genau dafür habe ich meine Angebote entwickelt.
Sie reichen von einer einzelnen, klärenden Kurzintervention (Die Zeitinsel)
über mehrteilige Begleitformate mit drei oder fünf Sitzungen à 90 Minuten,
bis hin zu einer tiefergehenden Arbeit an Haltung, Grenzen und Selbstwirksamkeit im Alltag.
Was davon für dich passt, entscheidet sich nicht im Voraus –
sondern im gemeinsamen Hinschauen.
Wenn du magst, informiere dich in Ruhe hier auf meiner Website
oder schreibe mir direkt.
Ohne Druck. Ohne Perfektionsanspruch.
Aber mit Raum für Entlastung und Klarheit.
P.S.: Der einfache aber super leckere Zitronenkuchen, den ich schon seit Jahren für alle Geburtstage backe ist übrigens ein voller Erfolg. Mein Sohn liebt den Kuchen, weil er so saftig und sauer ist. Ohne Deko, ohne alles, einfach nur ein leckerer Kuchen.
Und ich? Ich hab die Energie, um mit ihm und seinen Freunden zu spielen, statt erschöpft in der Küche zu stehen.
Manchmal ist weniger wirklich mehr.
Quellen:
Coyne, S. M., McDaniel, B. T., & Stockdale, L. A. (2017). “Do you dare to compare?” Associations between maternal social comparisons on social networking sites and parenting, mental health, and romantic relationship outcomes. Computers in Human Behavior, 70, 335–340. https://doi.org/10.1016/j.chb.2016.12.081
hkk Krankenkasse (Hrsg.), forsa (2025). Mental Load: Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung zu mentaler Belastung im Familienalltag. Bremen. https://assets.hkk.de/fileadmin/dateien/allgemeines_uebergeordnet/reports/gesundheitsreports/2025/251013_hkk_gesundheitsreport-mental-load_2025_a4_09.25_1.4.pdf?utm_source=chatgpt.com
Pronova BKK (2025). Familie und Erziehung 2025 – Ergebnisse und Analyse. PDF-Download verfügbar unter https://www.pronovabkk.de/unternehmen/presse/studien/familie-und-erziehung-2025.html
