
Viele Menschen, die zu mir ins Coaching kommen, beschreiben kein konkretes „Zuviel“ an Aufgaben, sondern ein sehr bestimmtes Gefühl:
Der Kopf hört einfach nicht auf zu arbeiten.
Schon morgens, oft noch vor dem ersten Kaffee, beginnen die Gedanken zu kreisen:
Was steht heute an?
Woran muss ich denken?
Wer braucht etwas von mir?
Was darf ich auf keinen Fall vergessen?
Die daraus resultierende Erschöpfung entsteht nicht nur durch Aufgaben, sondern durch die ständige innere Bereitschaft und das Gefühl für alles verantwortlich zu sein. Diese unsichtbare Dauerarbeit hat einen Namen: Mental Load.
Mental Load ist: die Last der alltäglichen, oft unsichtbaren Verantwortung – für das Organisieren von Haushalt und Familie, das Koordinieren im beruflichen Kontext und die Beziehungspflege mit allen Beteiligten (Equal Care Day, 2022a).
Was daran so belastend ist: Diese Arbeit ist nicht direkt sichtbar – aber sie läuft pausenlos im Hinterkopf ab. Und es gibt nur sehr selten dafür Lob oder Anerkennung.
Warum sich Mental Load so zermürbend anfühlt
Mental Load bedeutet nicht einfach, viel zu tun zu haben.
Er bedeutet, immer innerlich angeschaltet zu sein, an alles zu denken und das Leben von mehreren Menschen gleichzeitig zu organisieren.
Ein Beispiel:
Wenn ein Kind von einem Elternteil zum Fußballtraining gebracht wird, sieht man nur diesen letzten Moment: Jemand fährt das Kind zum Platz. Fertig.
Was man nicht sieht, ist das unsichtbare Vorprogramm: Ein Verein wurde recherchiert, Trainingszeiten mit dem Rest des Familienkalenders jongliert, Formulare ausgefüllt, Mitgliedsbeiträge organisiert. Irgendwer hat passende Schuhe in der richtigen Größe und bitte nicht in ‚doofem Blau‘ besorgt. Kurz vor dem Training wird die Messenger-Gruppe gecheckt („Heute doch Halle statt Platz?“), die Tasche gepackt, die Trinkflasche gesucht – und erst dann sitzt das Kind im Auto und fährt los.
Die Autofahrt ist der kleinste Teil der Arbeit. Der größte Teil lief vorher – still, im Kopf, und meistens unsichtbar.
Diese Denk- und Koordinationsarbeit passiert oft still im Hintergrund. In vielen Familien liegt sie überwiegend bei den Müttern (BKK Mobil Oil, 2022).
Und genau das macht müde: nicht das Fahren – sondern das ständige innere Mitdenken.
Warum in den meisten Familien die Frauen diese Arbeit übernehmen
Dass Mental Load vor allem Frauen betrifft, hat weniger mit persönlicher Schwäche zu tun als mit Sozialisation.
Patricia Cammarata beschreibt es so:
„Frauen werden darauf geprägt, für die Familie verantwortlich zu sein – unabhängig von ihrer Erwerbstätigkeit“ (AOK, 2021).
Das führt dazu, dass viele Frauen nicht nur Aufgaben übernehmen, sondern auch die Verantwortung für den Überblick, das Funktionieren und das emotionale Klima.
Überforderung entsteht dabei nicht nur durch Zeitmangel, sondern durch die dauerhafte mentale Beanspruchung (BMFSFJ, 2021).
Und sie wird verstärkt durch das Gefühl, dass diese Leistung kaum gesehen oder gewürdigt wird.
87 % der Mütter in Mutter-Kind-Kuren leiden an Erschöpfungszuständen bis hin zum Burnout (Deutsches Müttergenesungswerk, 2022).
Der erste Schritt ist nicht „besser organisieren“
Wenn Menschen mit Mental Load zu mir kommen, wollen sie oft sofort wissen:
Wie verteilen wir die Aufgaben besser?
Das ist verständlich – aber es greift zu kurz.
Denn bevor etwas im Außen verändert werden kann, braucht es etwas anderes:
Das systemische Verstehen und die Veränderung im Inneren
In meinem Coaching arbeite ich systemisch, angelehnt an das Menschenverständnis von Friedemann Schulz von Thun:
Wir betrachten gemeinsam deine individuelle Situation – das System in dir und dich in deinem System. So wird sichtbar, wie innere Muster, Erwartungen und äußere Rahmenbedingungen zusammenwirken, wie es zu der aktuellen Lage gekommen ist und warum sich genau diese Situation heute so belastend anfühlt.
Dabei schauen wir uns gemeinsam an:
- Woher kommt mein Druck?
- Was davon kommt aus mir – und was von außen?
- Wer ist beteiligt, offen oder im Hintergrund?
- Wo habe ich Einfluss, und wo nicht?
- Was glaube ich leisten zu müssen, um „gut genug“ zu sein?
- Und was passiert, wenn etwas nicht perfekt läuft, sondern einfach nur okay ist?
Mental Load entsteht oft dort, wo innere Antreiber und äußere Erwartungen gleichzeitig wirksam sind – und es im Alltag kaum Raum gibt, dieses Zusammenspiel in Ruhe wahrzunehmen.
Bleib gütig mit dir
Ein zentraler Teil von Entlastung ist nicht die perfekte Aufgabenteilung, sondern die innere Haltung.
Nicht jeder Geburtstag muss aussehen wie auf Social Media.
Nicht alles, was möglich wäre, ist notwendig.
Nicht jeder Anspruch, den du spürst, gehört wirklich zu dir.
Entlastung beginnt dort, wo du dir erlaubst, langsamer zu werden, weniger perfekt, weniger hart mit dir selbst.
Oder, wie ich es meinen Klientinnen immer wieder sage:
Bleib gütig mit dir.
Und erst dann: äußere Entlastung
Wenn klarer geworden ist, woher dein individueller Druck kommt, wie er entsteht und wie du innerlich damit umgehen kannst, wird auch das Außen veränderbar. Erst dann greifen konkrete Maßnahmen wirklich entlastend – nicht als weiteres „Müssen“, sondern als echte Unterstützung.
Eine wichtige Stellschraube ist dann, Arbeit nicht in Einzelaufgaben, sondern in zusammenhängenden Verantwortungsbereichen zu teilen. Zum Beispiel können ganze Projekte übergeben werden, statt einzelne Tätigkeiten zu delegieren, da nur so auch die dafür notwendige Organisationsarbeit abgegeben wird (AOK, 2021).
Statt nur „Kannst du bitte staubsaugen?“ heißt es dann: Du hast jetzt das Projekt Fußboden.
Das beginnt bei den herumliegenden Schuhen im Flur, geht über die Legoklötze unter dem Sofa, die Krümel unterm Esstisch und die Frage, wo eigentlich der Staubsauger steht, bis hin zum letzten feuchten Wisch über die Fliesen.
Dazu gehört auch die unsichtbare Hintergrundarbeit: rechtzeitig merken, dass der Staubsaugerbeutel voll ist, dass das Putzmittel leer wird und dass der Mopp irgendwo zwischen Keller und Balkon verschwunden ist.
Erst wenn all das mit abgegeben wird, verschwindet nicht nur die sichtbare Arbeit – sondern auch das ständige „Ich-muss-da-noch-dran-denken“ im Kopf.
Wichtig ist dann nur noch, auszuhalten, dass der Fußboden vielleicht etwas anders oder in anderen Intervallen gereinigt wird, als du das selber tun würdest…
Danach kann es hilfreich sein, regelmäßig gemeinsam Rückschau zu machen: Wie hat das geklappt? Was könnte besser gehen, und was brauchst du?
Hier sollte darüber gesprochen werden, was gut gelaufen ist, was nicht, wo man sich weiter einbringen will, wie man sich gefühlt hat. Es ist wichtig, sich hier gegenseitig abzuholen und wertzuschätzen, für das, was man alles gemeinsam leistet (AOK, 2021).
Solche Gespräche schaffen Raum für Sichtbarkeit, Korrektur und Anerkennung – und verhindern, dass sich neue Schieflagen unbemerkt einschleichen.
Fazit
Mental Load ist keine Kleinigkeit.
Er ist eine ernsthafte, strukturelle und psychische Belastung, die viele Care ArbeiterInnen bis an ihre Grenzen bringt.
Entlastung entsteht dort, wo wir uns erlauben nicht perfekt sein zu müssen, dort, Dinge sichtbar werden dürfen.
Wo klar wird, was alles getragen wird.
Wo Verantwortung nicht stillschweigend bei einer Person bleibt, sondern geteilt werden darf.
Und wo Menschen aufhören, sich selbst ständig zu treiben – und stattdessen ein bisschen gütiger mit sich umgehen.his is your first post. Edit or delete it, then start writing!
Quellen:
AOK (2021). Mental Load: Wie unsichtbare Aufgaben Frauen belasten. AOK – Die Gesundheitskasse
BMFSFJ. (2021). Kinder, Haushalt, Pflege – wer kümmert sich? Ein Dossier zur gesellschaftlichen Dimension einer privaten Frage (3 Aufl.) (Bundesministerium für Familie, Senioren & Frauen und Jugend, Hrsg.). Berlin
Deutsches Müttergenesungswerk. (2022). Mangelnde Anerkennung macht Mütter krank.
Equal Care Day. (2022) ECD 2023 – Equal Care Day.
